30.000 wollten hin – Professor Campino: Uni-Vorlesung wird Punk-Konzert



„Nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur gab es nicht mehr viel Freches. Die jüdischen Künstler wurden vertrieben oder ermordet. Die Jugend hatte sich von der deutschsprachigen Musik abgewandt. Unser Lebensgefühl kam aus England.“ Bei seiner Antrittsvorlesung als Gastprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf am Dienstag bezeichnete Tote-Hosen-Sänger Campino (61) die Entstehung der Punkmusik als späte Reaktion auf die Nazi-Zeit.

Allerdings hatte sich Ton Steine ​​Scherben schon zehn Jahre zuvor mit der Elterngeneration abgefunden („Ich möchte nicht so alt werden wie ich.“). „Das war Punk, aber wir haben sie damals nicht gehört, weil sie Hippies waren.“ In Düsseldorf verkündete Joseph Beuys mit seinem Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ einen Grundsatz, der auch im Punk galt: „Steh auf, geh auf die Bühne und spiel!“ eingeschrieben sei, verriet Campino. „Ich habe es aus terminlichen Gründen nicht geschafft, eine Vorlesung zu besuchen.“ Glücklicherweise wurde er von der Universität nie wegen seiner jahrelangen Abwesenheit kritisiert und er zahlte stets pflichtbewusst seine Studiengebühren. Beim Besuch eines Auftritts der Toten Hosen in der Mensa der Universität gingen 1985 Deckenlampen und Toiletten kaputt. „Das war der Moment, in dem ich mit einem Hausverbot rechnen musste – aber ich war es nicht“, sagte der Rockmusiker. Campino habe „nichts mitgebracht“. Universitätsrektorin Anja Steinbeck sagte, Campino sei als Gastprofessor fast schon eine Pflichtaufgabe. Bereits Heinrich Heine, der der Professur und der Universität ihren Namen gab, hatte sich gegen das Establishment und überholte Konventionen ausgesprochen. „Ich kann kaum noch als Systemkritiker auftreten. Ich komme als Elder Statesman“, sagte Campino. „Ich bringe nichts mit außer der Begeisterung für Texte, die mir etwas bedeuten.“ Das waren Texte von Kästner, Brecht, Wader, Heine – mal als Gedicht, mal als Lied. „Jeder hätte die gesammelten Gedichte von Erich Kästner lesen sollen, empfahl Campino. Und: „Wir stehen vor einer großen Aufgabe.“ Wir alle gegen Dummheit. „Jede Stimme ist gefragt.“ Von nun an möchte der Sänger jedoch nicht mehr als Professor angesprochen werden: „Campino als Vortrag sieht gut aus…“ 30.000 Menschen wollten Campinos Vortrag besuchen, 30.000 Menschen hatten sich um einen Platz beworben In Campinos Vorlesung passen 650 in den größten Hörsaal der Universität. Titel der Antrittsvorlesung: „Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer. Eine Liebeserklärung an die Alltagspoesie.“ Vor Campino waren Helmut Schmidt, Juli Zeh, Wolf Biermann, Siegfried Lenz, Joschka Fischer, Antje Vollmer, Karl Kardinal Lehmann, Ulrich Wickert, Joachim Gauck und zuletzt Klaus-Maria Brandauer Heine-Gastprofessoren. Der erste Heinrich-Heine-Gastprofessor war Marcel Reich-Ranicki im Jahr 1991.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: