Das Rassismus-Problem: Vom Stadion ins Gefängnis?


Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat für seine Heim-EM im März ein Anti-Rassismus-Projekt gestartet. Der Weltverband FIFA will auf seinem Kongress im Mai in Bangkok einen entsprechenden Beschluss aller 211 Mitgliedsstaaten verabschieden. Die Frage ist nur: Reicht Symbolpolitik allein angesichts der Szenen, die sich in den letzten Wochen vor allem in Italien und Spanien häuften, noch? Oder bedarf es anderer Maßnahmen wie härterer Strafen und schnellerer Spielabbrüche, wenn der Fußball rassistische Vorfälle nachhaltig bekämpfen will?

„Wurde jahrzehntelang geduldet“

„Was wir beim Fußball sehen, ist nicht nur ein gesamtgesellschaftliches Problem, sondern hat auch mit dem Fußball selbst zu tun: Denn an diesem gesellschaftlichen Ort wurde viel zu lange nichts gegen Rassismus unternommen, er wurde jahrzehntelang fast geduldet.“ normalisiert“, sagt der deutsche Rassismusforscher Lorenz Narku Laing von der Evangelischen Hochschule Bochum. Härtere Strafen könnten helfen, sagt er: „Wir müssen tatsächlich darüber nachdenken, ob Spiele abgesagt und zu Lasten der rassistischen Fanblöcke beurteilt werden sollten.“

Der brasilianische Stürmerstar Vinicius Junior von Real Madrid brach letzte Woche in Tränen aus, als er auf der Pressekonferenz seiner Nationalmannschaft nach Rassismus gefragt wurde. Am Osterwochenende verlangte der 23-Jährige dann via Earn.

Vinicius wurde oft Opfer rassistischer Anfeindungen – im Stadion und darüber hinaus. Im Jahr 2021 baumelte eine schwarze Puppe mit einem Trikot des Stürmers von einer Brücke in Madrid – hing wie an einem Galgen.

Von Stadionverboten oder gar Gefängnisstrafen für Einzeltäter ist Forscher Laing jedoch nicht überzeugt. „Mein Traum ist eigentlich, dass einem Mann, der in der Ecke eine rassistische Beleidigung macht, von seinem Umfeld gesagt wird, dass das nicht möglich ist. Dann soll der Fall angezeigt werden und dieser Person vom Sport ein Seminar zum Thema Rassismus angeboten werden.“ Assoziation, damit er… wirklich selbst verstehen kann, was das bedeutet, wie sehr es den Menschen weh tut.

Die Wahl muss letztlich lauten: Stadionverbot oder Seminar. „Es geht nicht nur um Platzverweise, mehr Polizei in Stadien und Verbote, sondern um mehr Empathie, mehr Fairness, mehr Miteinander, Vergebung und tatsächlich eine emotional persönliche Lernreise für die Menschen, die sich falsch verhalten“, sagt Laing.

Solidarität nach der Roten Karte

Zumindest in Spaniens viertklassiger Liga haben die Spieler jüngst ein Zeichen gesetzt: Der Torhüter des Madrider Vorstadtklubs Rayo Majadahonda wurde angeblich von einem Zuschauer rassistisch beleidigt, attackierte ihn und sah die Rote Karte. Aus Solidarität mit dem senegalesischen Cheikh Kane Sarr verließen seine Teamkollegen mit ihm das Feld.

In der italienischen Serie A lief es im Januar genau andersherum. Der Torhüter des AC Mailand, Mike Maignan, verließ das Spielfeld, nachdem Fans von Udinese Calcio ihn mit rassistischen Sprüchen beschimpft hatten. Das Spiel wurde unterbrochen, aber nicht gestoppt: Seine eigenen Mitspieler überredeten den Franzosen im Flur, weiterzumachen. „Die Mentalität war oft, dass der Fußballer auf dem Platz hart sein muss, er ist ein hochbezahlter Profi“, erklärt Laing.

Es gebe eine „neue Sensibilität in der Gesellschaft, dass Rassismus falsch ist, auch wenn er Millionären widerfährt.“ Doch dieses Bewusstsein fehlt im Fußball oft noch. „Es ist ein Problem, dass der Fußball es noch nicht geschafft hat, Rassismus als sein eigenes Problem zu begreifen. Entweder distanziert man sich davon, weil man sagt, dass es im Eifer des Gefechts passiert. Oder man distanziert sich davon, weil man es delegiert.“ der Justiz, der Polizei, den Anwälten“, erklärt Laing.

„Rein kosmetische Initiativen“

Erst letzte Woche wurde der italienische Nationalspieler Francesco Acerbi von einem Sportgericht freigesprochen. Er soll den Brasilianer Juan Jesus vom SSC Neapel rassistisch beleidigt haben. Acerbi bestritt dies, sein Verein Inter Mailand verteidigte ihn. Doch Juan Jesus, der seit zwölf Jahren in Italien spielt, bleibt bei seinem Vorwurf. Aus Protest will sich sein Verein nicht mehr an den Antidiskriminierungsmaßnahmen des italienischen Verbandes beteiligen. Dabei handele es sich lediglich um „rein kosmetische Initiativen“, hieß es in einer Stellungnahme Napoli.

Aber was sollte der Fußball stattdessen tun? Bereits 2011 hatte der europäische Fußballverband UEFA einen Drei-Stufen-Plan eingeführt, der bei rassistischen Vorfällen in einem Stadion zu einem Spielabbruch führen könnte. Erster Schritt: Stoppen Sie das Spiel. Zweiter Schritt: Spieler vorübergehend in die Umkleidekabine schicken. Dritter Schritt: Abbrechen.

Doch das geht offenbar selbst dem umstrittenen FIFA-Boss Gianni Infantino nicht mehr weit genug. „Das Problem ist, dass wir unterschiedliche Wettbewerbe, unterschiedliche Wettbewerbsveranstalter, unterschiedliche Regeln haben. Und alles, was wir tun, reicht offensichtlich nicht mehr aus“, sagte der Weltverbandspräsident auf einem UEFA-Kongress im Februar. Infantino will den Kampf gegen Rassismus im Mai in Bangkok zum Thema machen: „Wir brauchen eine starke Resolution. Alle zusammen. Alle 211 FIFA-Länder!“

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