In St. Jakob stoßen die Menschen auf Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg


Der Zweite Weltkrieg rückt in St. Jakob im Walde regelmäßig in den Vordergrund. Das weiß hier fast jeder. Aber Markus Grabenhofer weiß es ganz genau. Spätestens dann, wenn die Schneidmaschine seines Sägewerks mit lautem Lärm in eines der tausenden Granatsplitter fährt, die hier in den Bäumen versteckt sind – Relikte aus dem Jahr 1945, die für Ärger sorgen.

Wie viele Sägeblätter in den vergangenen Jahrzehnten beschädigt wurden, kann Grabenhofer nicht sagen. Auf jeden Fall waren es zu viele. Er behielt einige der Sägeblätter, deren Zähne abgerissen waren. Deshalb untersucht er mit einem Metalldetektor bewaffnet die Baumstämme sorgfältig, um drohenden Schaden abzuwenden. Sie sind Zeugen der Kämpfe, die hier im April und Anfang Mai 1945 zwischen deutschen Soldaten und der Roten Armee stattfanden. Die Splitter reichen von „ganz groß bis winzig“, sagt Grabenhofer gegenüber der WZ. In den vergangenen Monaten hat er gerade noch rechtzeitig zwei Metallstücke entdeckt, eines aber trotzdem komplett hineingesägt.

Kein Bauernhof überlebte

Zu Spitzenzeiten steht Grabenhofer auch nachts in seiner kleinen Fabrik im Ortsteil Kaltenegg – „Klein-Sibirien“, wie ältere Ortsbewohner scherzhaft sagen. Kein Bauernhof hier habe den Krieg überlebt, sagt er. In den Tagen kurz vor dem endgültigen militärischen Zusammenbruch waren die Deutschen – ein Konglomerat verschiedener Militäreinheiten – hier im oststeirischen Jöglland der Meinung, dass sie den Krieg in letzter Sekunde gewinnen könnten. Bis zum 2. Mai 1945 fanden östlich von St. Jakob deutsche Offensiven statt. „Diese verrückten Leute“, sagt Grabenhofer und lächelt. Die Stadt wurde im April und Mai 1945 mindestens dreimal von der Roten Armee überrannt und anschließend von den Deutschen zurückerobert. Mit dabei: Hitlerjugend aus Hartberg. Fast jedes Gebäude, jeder Bauernhof wurde in Schutt und Asche gelegt. Das Dröhnen der Kanonen und das beunruhigende Heulen der Stalin-Orgel, einer Art Raketenwerfer, war tagelang zu hören. Die Lage der Menschen war verzweifelt; Sie bauten aus den Überresten ihrer Bauernhöfe und Häuser behelfsmäßige kleine Unterkünfte.

Ein Foto von Markus Grabenhofer, Tischler im Joglland.
Markus Grabenhofer mit beschädigtem Sägeblatt.
© Bildnachweis: Michael Schmölzer

Wer fast 80 Jahre später keinen Schaden anrichten will, muss ein wachsames Auge haben: „Wenn ein Baumstamm längere Zeit mit Metall in Berührung gekommen ist, verfärbt sich das Holz“, sagt Sägewerksbesitzer und Facharbeiter Tischler Grabenhofer, der mit seiner Mutter einen Bio-Bauernhof betreibt. und das Sommer wie Winter Gäste beherbergt. Oft ist die Ursache banal – ein Stück Stacheldraht oder ein deutlich sichtbarer Nagel – manchmal handelt es sich aber auch um ein gefährliches Kriegsrelikt. Auch wer Bäume fällen muss, hat Probleme. Bis in die 1950er Jahre wurden Handsägen verwendet, Splitter waren kein Problem. Doch als die Kettensäge in ein metallenes Kriegsrelikt fährt, reißt die Kette, die anschließend in den Mülleimer fällt.

Russische Retter

Hier in St. Jakob im Walde kursieren noch immer unzählige Geschichten über die Kämpfe im Jahr 1945, die zur völligen Zerstörung des Dorfes führten. Markus Grabenhofers Mutter Rosa, die Bäuerin, kennt viele von ihnen. Es gibt eine Geschichte über zwei russische Soldaten, die am späten Abend des 20. April das Bauernhaus „Hansl im Arzberg“ betraten und die dort ängstlich Sitzenden auf Deutsch aufforderten, ihre Schuhe anzuziehen. Der Hof lag genau zwischen der deutschen und der sowjetischen Grenze. Die Kämpfe begannen etwas später, doch alle konnten sich rechtzeitig in einem Tunnel in Sicherheit bringen. Es ist auch die Rede von einem hungernden deutschen Soldaten, der am nächsten Tag von den Bauern, die auf seinen Hof zurückkehrten, um Brot bat und es erhielt. In diesem Moment wurde das Gehöft „Hansl im Arzberg“ in Brand gesteckt. Die Verzögerung hätte den großzügigen Bauern das Leben gerettet, denn wenn sie bereits auf dem Bauernhof gewesen wären, hätte es kein Entrinnen mehr gegeben.

Schlägereien im Skigebiet

Die heftigsten Kämpfe fanden auf den Gipfeln statt, auf denen heute Ski gefahren wird und wo die Schlepplifte „Ochsenkopf“ und „Leitn“ hinaufführen, sagt Markus Grabenhofer. Die beteiligten deutschen Soldaten stammten nicht aus der Stadt. Und manchmal tauchen sie scheinbar aus dem Nichts wieder auf. Einmal, erinnert er sich – es könnte in den 1990er Jahren gewesen sein – saß ein seltsamer alter Mann aus Deutschland auf der Bank am Weg. Er sagte, er habe hier einst als Soldat gekämpft und die Bauern zu einem Stein geführt, wo er seine Munition versteckt hatte. Sie rollten den Stein zur Seite und die betreffenden Patronen lagen tatsächlich darunter.

Der Krieg hat sich in die Köpfe aller Beteiligten und in die Stämme der ausgedehnten Nadelwälder eingebrannt. Nachdem die deutschen Soldaten am 7. Mai 1945 in einer Nacht- und Nebelaktion flohen, um nicht in russische Kriegsgefangenschaft zu geraten, und der Spuk vorüber war, lagen in den Feldern und Wäldern rund um St. Jakob unzählige Waffen. Unter anderem das deutsche Maschinengewehr, das Markus Grabenhofers Vater mit eigenen Händen auf der rechten Seite unter dem Dachfirst der unweit des Hofes gelegenen Familienkapelle eingemauert hat: „Damit es nicht ins Unrecht fällt.“ Hände.” Tatsächlich endete ein benachbarter Bauer durch explosive Militärausrüstung tödlich, der in der Nachkriegszeit zwei seiner damals noch kleinen Kinder verlor, weil sie mit den gefundenen Waffen spielten.

Blinde Wut

Unmittelbar nach dem Krieg ließen die Bauern, die ihre Lebensgrundlage verloren hatten, ihre Wut an den gefallenen Soldaten der Roten Armee aus. Es heißt, dass den Toten teilweise die Köpfe eingeschlagen wurden. In St. Jakob soll sich eine russische Einheit nicht wie die anderen zurückgezogen haben, sondern plündernd durch die Gegend gezogen sein und die Bevölkerung terrorisiert haben. Diese Einheit ist plötzlich verschwunden. Es ist unklar, ob die Soldaten der Roten Armee von den Bauern getötet wurden oder ob sie sich auf ihre Linien zurückzogen. Die Bauern hätten jedenfalls kein Viertel gezeigt, heißt es.

In diesen letzten Kriegstagen wurden auch Tausende Frauen und Mädchen vergewaltigt. Rosa Lechner, die bei Kriegsende elf Jahre alt war und die Kämpfe in St. Jakob miterlebte, kann das bestätigen: Sie selbst hatte „große Angst“. Die russischen Soldaten kamen in die wenigen Häuser, die von der Zerstörung verschont geblieben waren, zeigten auf die anwesenden Frauen und befahlen ihnen, „mit ihnen zu kommen“. Natürlich verstand sie damals nicht, worum es ging. Die Soldaten der Roten Armee wären dann mit ihren Opfern im Wald verschwunden.

Ein Foto von Rosa Lechner.
Rosa Lechner erinnert sich an die Luftkämpfe um St. Jakob.
© Bildnachweis: Michael Schmölzer

Der Unfall habe im Sommer 1944 begonnen, berichtet sie. Bomberstaffeln zogen über St. Jakob in Richtung Wiener Neustadt, es kam zu Fliegeralarmen und Luftkämpfen, brennende Trümmer fielen vom Himmel. Sie rannte mit ihrem kleinen Bruder an der Hand und versuchte, sich in Sicherheit zu bringen. Es habe auch Tieffliegerangriffe gegeben, „sie haben auf Menschen geschossen.“ Einer etwas jüngeren Nachbarin wurde das Gesicht verbrannt. Rosa Lechner erinnert sich, dass die Russen am 17. April zu Pferd kamen, ihre Gewehre waren mit Bajonetten ausgerüstet, „vor diesen Punkten hatten wir besonders Angst.“ Der deutsche Volkssturm, Hitlers letzter Kampf gegen die Rote Armee, „machte die Russen wütend“, sagt Lechner, und sie erschossen Bauern, wenn die Soldaten dachten, sie hätten etwas gestohlen oder Deutsche oder Waffen versteckt. Die Szenen, die sich abspielten, waren beunruhigend: Die Menschen, die sich in den Kellern versteckt hatten, mussten mit erhobenen Händen herauskommen. Überall waren bereits weiße Fahnen gehisst. Teilweise durchwühlten die Russen auch die Keller. Ein Soldat der Roten Armee zielte mit seinem Gewehr auf einen ihrer damals 16-jährigen Brüder, berichtet Rosa Lechner. Aber er wollte offenbar das Apfelweinfass treffen, das hinter seinem Bruder stand – um es anschließend mit seinen Kameraden zu leeren.

“Ich bin geflohen”

„Wegen der ganzen Russen war es überall braun“, erinnert sich Maria Ochabauer, die das Kriegsende im nahegelegenen Rats erlebte. Sie war damals 16 Jahre alt und lief weg. „Ich bin geflohen, geflohen“, sagt sie. Überall schlugen Granaten ein. Sie versteckte sich zunächst mit der Tochter des Bauern, für den sie arbeitete, auf dem Heuboden, doch dort fing es an zu brennen: „Wir wollten nicht brennen.“ Sie konnte sich dann über die Feistritz in Sicherheit bringen, weil die Gegend „so cool war, dass keine Russen dorthin gingen.“ Sie erinnert sich, dass die Sowjets den Bauern den Hafer für ihre Pferde wegnehmen wollten, dies aber durch Intervention und Diplomatie in letzter Sekunde verhindern konnten. Ein Ochse, der über den Semmering in Sicherheit gebracht werden sollte, wurde von den Russen beschlagnahmt.

Die Russen hatten große Angst vor einer Vergiftung.Johann Payerhofer

Johann Payerhofer ist der Großvater des heutigen Bürgermeisters von St. Jakob. Er war 1945 13 Jahre alt und erinnert sich an die Vorliebe der Rotarmisten für lokalen Most. Allerdings musste es immer zuerst ein Einheimischer probieren, da die Russen Angst vor einer Vergiftung hatten. Je länger man mit Payerhofer spricht, desto mehr Erinnerungen tauchen auf: Erinnerungen an eine verstörende Zeit, scheinbar ungeordnet, die aber den Wahnsinn offenbaren, dem die Menschen in St. Jakob ausgesetzt waren. Das Leben der Familie rettete laut Payerhofer die massive Eingangstür zum Bauernhaus, die die Wucht einer explodierenden Granate abfangen konnte. Die Tür mit handgeschmiedeten Nägeln existiert noch heute.

Am gefährlichsten waren laut Payerhofer die sowjetischen Soldatinnen, die schneller zu den Waffen griffen als die Männer. Eine Soldatin nahm ihren Vater zum Verhör mit und fragte immer wieder auf Deutsch: „Wo saß der Mann?“ Was sie damit meinte, ist bis heute nicht klar und wird auch nie geklärt. Payerhofers Vater kam jedenfalls mit dem Leben davon.

Metalldenkmal auf dem Feld

Auch ein abgeschossener russischer Panzer sorgte dafür, dass die St. Jakober noch lange an den Krieg erinnert wurden. „20 Jahre lang stand es hier auf dem Feld, bis es zerschnitten und abtransportiert wurde“, sagt Payerhofer. Auf jeden Fall hätten sie als Kinder viel Spaß mit den Kriegsrelikten gehabt. Also steckten sie Leuchtraketen in metallene Proviantkanister der Wehrmacht und feuerten sie ab. Sie schossen mit einer Maschinenpistole auf eine Mauer; Es gab jedoch eine Meldung und die Gendarmerie war eingetroffen. Einer seiner Brüder spielte mit einem Kriegsrelikt und sein Auge wurde durch die Explosion dauerhaft beschädigt.

Ein Foto von Johann Payerhofer, dem Großvater des heutigen St. Jakob-Bürgermeisters und Überlebenden des Krieges.
Johann Payerhofer vor der Tür, die ihm und seiner Familie 1945 das Leben rettete.
© Bildnachweis: Michael Schmölzer

Der Krieg hinterließ bei den St. Jakobsbewohnern, auch in der dritten und vierten Generation, Spuren. Im Stadtzentrum, neben der Kirche, befindet sich ein „Heldenfriedhof“, auf dem die gefallenen Wehrmachtssoldaten begraben sind, auch wenn die meisten von ihnen nicht aus der Gegend stammen. Der Kameradschaftsbund und das Schwarze Kreuz sorgen dafür, dass die Erinnerung nicht vergeht und an Allerheiligen mit Kränzen der Soldaten gedacht wird. Im Kameradschaftsbund geht es mit „Du hast acht“ ganz militärisch zu, der Friedhof wird gepflegt, man „schuldet es seinen Vorfahren“, sagt Johann Payerhofer: „Eine gute Sache.“ Die jungen Männer des Ortes werden direkt nach Beendigung ihres Militärdienstes vom Kameradschaftsbund rekrutiert, „das gehört automatisch dazu“, heißt es hier vor Ort. Von den rund 1.100 Einwohnern sind mehr als 200 Mitglieder der Rückkehrer- und Kriegervereinigung – einige sind nur „zahlende“ Mitglieder, andere sind aktiv. Auch Frauen nehmen teil.

Gesten der Versöhnung

Im Sinne der Völkerverständigung gibt es auf dem Heldenfriedhof auch ein Denkmal für die abgestürzte Besatzung eines US-Bombers; An der Absturzstelle wurde 2009 eine kleine Gedenkkapelle errichtet. Doch „die Granatsplitter in den Bäumen werden auch in 100 Jahren noch da sein“, ist sich Johann Payerhofer sicher.

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