Eltern auf dem Prüfstand: Was ist dran an ihren Weisheiten?



Eltern nerven ihre Kinder immer mit ihrer Weisheit. Für Generationen. Doch was ist dran an den guten Ratschlägen, dass man sich beim schiefen Sitzen zusammenkrümmen muss oder dass das Lesen im Dunkeln die Augen schädigt? Ein Faktencheck.

Beanspruchen: Verschluckter Kaugummi klebt im Magen.

Auswertung: Falsch.

Fakten: Manchmal passiert es schneller als erwartet: Ein Stück Kaugummi gelangt versehentlich in die Speiseröhre. Ein Gerücht besagt, dass er dann seinen Bauch zusammenkleben könnte.

Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselstörungen (DGVS) gibt Entwarnung: „Der Kaugummi klebt nicht an den Zähnen im Mund und verklebt beim Verschlucken auch nicht an der Speiseröhre oder den Magenwänden. Er haftet auch nicht später an der Speiseröhre.“ Dünn- oder Dickdarm“, sagt die Ärztin und DGVS-Sprecherin Birgit Terjung der dpa.

Aber warum nicht? Schließlich klebt Kaugummi auch unter Schulbänken – und aus den Haaren bekommt man ihn ohnehin nicht so leicht heraus. „Die Schleimhäute im gesamten Verdauungstrakt sind mit einem Flüssigkeitsfilm bedeckt, der dies verhindert“, erklärt Terjung.

Die verdaulichen Bestandteile werden durch Säure und Enzyme aufgespalten – und verstopfen nicht den Magen. Die unverdauliche Kaugummibasis, die das Bonbon so klebrig und gummiartig macht, wird mit dem Stuhlgang ausgeschieden.

Beanspruchen: Absichtliches Schielen kann ewig dauern.

Auswertung: Falsch.

Fakten: Kinder schneiden gerne Grimassen – dazu gehört auch das Zukneifen der Augen. Aber wer wirklich davon betroffen ist, kann es nicht einfach kontrollieren. Beim Schielen handelt es sich um eine meist ständige oder wiederkehrende Fehlstellung eines oder beider Augen, wie der Berufsverband Deutscher Augenärzte (BVA) schreibt. Die Augen blicken nicht in die gleiche Richtung. Schielen ist nicht nur ein kosmetischer Defekt, sondern geht häufig mit einer starken Sehbeeinträchtigung einher.

„Ein vorübergehendes, gewolltes, bewusstes, meist angestrengtes Schielen führt zu Doppelbildern, in der Regel aber nicht zu bleibenden Schäden“, sagt Augenarzt Horst Helbig vom Universitätsklinikum Regensburg zur dpa. Darüber hinaus kommt es in den ersten sechs Lebensmonaten häufig zu Schielen bei Babys mit wechselnden Augenpositionen. Wenn die Kinder danach weiterhin schielen, sollten sie laut Helbig so schnell wie möglich einen Augenarzt aufsuchen – damit keine irreversiblen Sehbehinderungen entstehen.

Damit wir räumlich sehen können, müssen beide Augen auf den gleichen Ort blicken. Laut BVA entsteht auf beiden Augen ein leicht unterschiedliches Bild. Diese beiden Bilder verschmelzen dann im Gehirn zu einem einzigen visuellen Eindruck.

Wenn Menschen schielen, treffen sich ihre Sehachsen nicht an der gleichen Stelle. „Der Unterschied zwischen den beiden Bildern, die die Augen liefern, wird zu groß. Sie können im Gehirn nicht mehr richtig zusammenfallen“, schreibt der Verband. Dadurch ist eine räumliche Wahrnehmung nicht möglich und die Betroffenen sehen störende Doppelbilder.

beanspruchen: Lesen im Dunkeln schadet Ihren Augen.

Auswertung: WAHR.

Fakten: Obwohl es Schlafenszeit ist, möchte die Tochter noch nicht schlafen – das Kapitel in ihrem Buch ist einfach zu spannend. Also kriecht sie heimlich mit einer Taschenlampe unter die Bettdecke. Lesen im Dunkeln oder bei schlechten Lichtverhältnissen soll die Augen schädigen. An dem Mythos scheint etwas dran zu sein. „Lesen bei schlechten Lichtverhältnissen im Kindesalter gilt als Risikofaktor für die Entstehung oder Verschlechterung einer Kurzsichtigkeit“, sagt Augenarzt Helbig.

In einer Studie der Queensland University of Technology aus dem Jahr 2014 kamen Forscher zu folgendem Ergebnis: Kinder, die sich länger im Freien bei hellem Licht aufhalten, haben ein besseres Sehvermögen als diejenigen, die dies seltener tun. Diese sind meist kurzsichtig.

Beanspruchen: Wer schief sitzt, bekommt einen Buckel.

Auswertung: Falsch.

Fakten: Kinder und Jugendliche lieben es, herumzulungern. Lässiges oder schiefes Sitzen oder Stehen sieht cooler aus als eine erzwungene, aufrechte Haltung. Aber entsteht dadurch tatsächlich ein krummer Rücken – oder gar ein Buckel? Nein, sagt Bernd Kladny, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). „Ich glaube, sie müssen lange und viel krumm sitzen, um einen Buckel zu bekommen. Das passiert nicht, wenn sie einen Nachmittag lang krumm sitzen und ihre Hausaufgaben machen.“

Um Rückenproblemen vorzubeugen, ist eine perfekte Haltung nicht unbedingt wichtig. Es gehe vielmehr darum, sich im Alltag ausreichend zu bewegen, sagt Kladny. „Menschen sind Lauftiere, keine Faultiere.“ Zur Stabilisierung der Wirbelsäule werden Muskeln benötigt – und Bewegung ist dafür wichtig. Man muss sich von der alleinigen Vorstellung der richtigen Sitz- und Stehhaltung im Sinne eines geraden Rückens lösen.

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