Live in der Stadthalle – Pop-Elfe Björk kreierte ein multimediales Utopia



Ein Vierteljahrhundert nach ihrem letzten Auftritt in Österreich bewies die isländische Avantgarde-Pop-Queen Björk, warum sie in einer eigenen Liga spielt. Ihr multimedialer „Cornucopia“-Auftritt erwies sich als multimediales Meisterwerk, das mit Charme und Verspieltheit alle Sinne fesselte.

Als Björk das letzte Mal in Österreich live auftrat, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Es wurde an Disketten gespart, der schwarze MS-DOS-Eingabebildschirm brachte so manchen Computer-Neuling zur Verzweiflung und die sozialen Medien, wie wir sie heute kennen, schwammen noch in Abrahams Wurstkessel. Heuer 1998 fiel die Wahl auf das Wiener Libro-Konzerthaus. Nach einem Vierteljahrhundert freuten sich viele alte und viele neue Fans sehr auf die Rückkehr des mittlerweile 57-Jährigen. Dass das reine Sitzplatzkonzert mit gut 9.000 Tickets restlos ausverkauft war, war für niemanden eine Überraschung. Björk hat sich im Laufe der Jahrzehnte von der Pop-Fun-Gruppe Sugarcubes zur vielseitigsten und geheimnisvollsten Künstlerin der Welt entwickelt, die mit ihrer sympathischen Exzentrizität und audiovisuellen Genialität fast alles inspiriert, was auf dem Plattenteller steht oder die Gitarre erwürgt. Volle Konzentration gefragt Ihre „Cornucopia“-Tour startete 2019 und war ursprünglich komplett auf das vorletzte Studioalbum „Utopia“ ausgelegt. Da die Pandemie die großen Pläne auf Eis legte, erschien zwischendurch das aktuelle Werk „Fossora“, das geschickt in das Set für die zweite Folie dieser Tour eingewoben wurde. Mit einem herkömmlichen Konzert hat der Auftritt wenig zu tun. Vielmehr ist es ein Fest für alle Sinne, bei dem der Künstler gleich zu Beginn darauf hinweist, das Handy bitte in der Tasche zu lassen; Fotos der Show werden später zum kostenlosen Download angeboten. Das sonst eher sture Publikum vor Ort hält sich dann in erster Linie an die Ratschläge. Vermutlich auch, weil man von der ersten Sekunde an volle Konzentration braucht, um alle Sinneseindrücke möglichst schnell verarbeiten zu können. Während Björk selbst in einem aufwändigen Kostüm die Zeremonienmeisterin ist, wird sie von sieben als Feenengel verkleideten Flötisten begleitet, die sie teilweise auch als Chor begleiten und den Grundschlaginstrumenten des langjährigen Tiroler Live-Mitglieds Manu Delago zusätzlichen Schwung verleihen . Das Konzept der Show ist theatralisch und dramatisch und besticht vor allem durch einen anspruchsvollen, von internationalen Profis gestalteten Multimedia-Teil, der alle Stücke spielt. Auf drei großen Videowänden werden bahnbrechende Animationen abgespielt, die sich irgendwo zwischen 3D und LSD bewegen und Sie magisch in ihren Bann ziehen. Der oft schwierige Sound im Rathaus ist zumindest weiter hinten auf der Bühne kraftvoll und gut, was dazu führt, dass die Fans schnell in die lähmende Welt der Künstlerin eingeatmet werden, während sie selbst mit großer Stimmgewalt zu begeistern weiß. Das Timbre der isländischen FantasiaBjörk und die stellenweise schwindelerregenden Höhen haben über die Jahre nicht an Intensität verloren, und sie hat sich eine Hobbit-ähnliche Echokammer bauen lassen, in der sie „Show Me Forgiveness“ ganz alleine a cappella singt, während sie den Pilz macht Auf der Hauptbühne herrscht reges Treiben. Einer der wichtigsten Ansätze in Björks Grundkonzept war die Kombination von Natur, Technik und einer märchenhaften Ästhetik. Mit modernsten digitalen und technischen Möglichkeiten schafft sie geschickt eine naturnahe Atmosphäre, in der immer wieder Wurzeln, Sträucher, Pilze oder fantasievoll geformte Kreaturen über die Videoleinwand huschen. Songs wie „Ovule“, „Pagan Poetry“ oder das von leuchtend gelben Lichteffekten unterlegte „Sue Me“ bewegen sich zwischen feierlich und eruptiv, werden aber durch das visuelle Spektakel stets sinnvoll zusammengehalten. Björk hat sich schon immer besondere Sorgen um das Klima und die Zukunft gemacht. Bereits während des Sets lässt sie eine Botschaft auf den digitalen Vorhang leuchten, in der das Pariser Klimaabkommen als einzige Lösung für eine sichere Zukunft erwähnt wird. Kurz vor dem Zugabeteil wird die bekannte schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg als Videobotschaft für eine etwa vierminütige Rede aufgezeichnet. In der Brandrede prangert sie den regressiven Stillstand in der globalen Klimapolitik an, zeigt sich aber optimistisch, dass die Veränderungen nicht mehr aufzuhalten sind: „Die Macht gehört dem Volk.“ Während der Videoausschnitt vor nicht allzu langer Zeit bei Björk zu sehen war, löste der Auftritt in Los Angeles zwar laute Buhrufe und Aufregung im Saal aus, beim Wiener Publikum kam der Auftritt aber sehr gut an. Soul WelfareIn einem fantasievollen weißen Kleid spielt Björk dann thematisch passende Zugabe „Future Forever“ und stellt nach ein paar herzlichen „Dankeschöns“ zuvor ihre Band vor. Für größere Kostümwechsel bleibt während des anspruchsvollen Sets keine Zeit, so dass die Reise in eine farbenfrohe Utopie nach weniger als eineinhalb Stunden zu Ende geht. Das Ergebnis ist eine klima- und gesellschaftspolitisch aufgeladene Multimedia-Performance, die die hehre Aufgabe, Realität und Fiktion sowie Gegenwart und Zukunft in Bild und Ton zu vermischen, bravourös meistert. „Cornucopia“ ist sicherlich ein Werk, auf das man sich einlassen muss, aber mit der nötigen Konzentration entwickelt es einen Sinnesrausch, den man in diesem Beruf normalerweise nicht gewohnt ist. Björk ist im Avantgarde-Bereich konkurrenzlos. Es ist ihrem überbordenden Charisma und ihrem seltsamen Denken zu verdanken, dass sie mit manchmal sperriger Kunst in Mainstream-Sphären vordringt, die Künstlern ihres Schlags normalerweise verschlossen bleiben. Eine spirituelle Wohlfahrt der fantastischen Art.

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